Vor ein paar Monaten habe ich meine Pferde auf ihrer Wiese im Sauerland besucht. Es war für März ein recht warmer Abend, ich war ganz allein und konnte die Stille genießen. Die Pferde verteilten sich am Hang und ich konnte Leidra und Hugsyn aus der Ferne beobachten. Sie haben gegrast und wirkten sehr friedlich. Langsam bin ich in ihre Richtung gelaufen. Leidra hat mich gar nicht bemerkt, weil sie so mit dem Gras beschäftigt war. Hugsyn hatte schon hochgeschaut als ich mit dem Auto angekommen bin, hat sich dann aber auch wieder dem Gras gewidmet. Als ich auf der Wiese war, hat sie mich bemerkt und da war er: Der Moment, den ich bei ihr am meisten liebe! Der Moment, wenn sie mich entdeckt, ihre Öhrchen plötzlich ganz aufmerksam in meine Richtung zeigen, sie ihren Kopf aufrecht oben hält und mich einfach nur anschaut. Sie hat dann einen ganz besonderen Blick. Es ist der Moment bevor sie zu mir kommt. Ein Moment des Erkennens ohne dass sie etwas verändert. Es wirkt auf mich wie ein Moment der Vorfreude. Juhu, du bist da. Mehr nicht. Ich bin dann langsam immer näher gekommen und irgendwann hat sie entschlossen, dass es Zeit ist zu handeln und zu mir zu kommen. Und das ganz schnell! In einer Mischung aus Trab und Tölt ist sie den Berg heruntergerast und stand vor mir. Ganz nah, aber nicht zu nah. Genau, wie ich es mag. Und dann war sie da. Mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit, ihrer Freude, ihrer Präsenz.

Erst nachher wurde mir bewusst, dass es dieser eine Moment ist, den ich so sehr liebe. Hugsyn hat eine ganz besondere Art die Dinge um sich herum zu beobachten. Diesen Blick kenne ich von anderen Pferden nicht, auch nicht von Leidra. Natürlich, ich interpretiere da viel rein. Aber das tut mir gut! Und den Ausdruck in ihrem Gesicht erlebe ich immer wieder. Ganz bewusst, mit viel Achtsamkeit. Und er ist jedes Mal ein Geschenk! Wenn irgendetwas in der Ferne ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht, dann ist sie wie gebannt. Ohne sich weiter zu bewegen. Auf eine positive Art! Das passiert zum Beispiel, wenn irgendwo Menschen arbeiten, dabei Geräusche machen und geschäftig sind und es passiert eben wenn sie mich in der Ferne sieht. Es ist ihrer Körpersprache deutlich anzumerken, dass es sich um ein gutes Gefühl handelt. Sie wirkt wach mit runden Augen. Ihre Ohren zeigen nach vorn, ihr Körper ist leicht angespannt, aber sie zittert nicht oder ist versteinert. Vorfreude ist wirklich das beste Wort, um zu beschreiben, was ich meine. Interesse, Neugier und Wachsamkeit passen auch gut. Der Moment bleibt ein wenig und dann zieht er so schnell vorbei wie er gekommen ist. Sie setzt sich in Bewegung und geht auf Erkundungstour. Mal ganz schnell, mal gemächlich. Sie schaut sich den Ursprung an. Was machen die Menschen, die da arbeiten? Was haben sie in den Händen? Was verursacht diese Geräusche? Hallo, hallo, hallo, ich bin dabei! Mitten im Geschehen und nicht nur daneben! Zeigt mir, was in der Welt passiert!

Ich stelle mir gerne vor, wie sich in diesen Momenten Synapsen in ihrem Gehirn neu verbinden und wie die alten Verbindungen gestärkt werden. Informationen fließen. Sie verarbeitet die Eindrücke und kommt dann irgendwann zu dem Schluss, dass sie Teil dieses spektakulären Events sein könnte. Also nichts wie los! Ihre ganze Lebensgeschichte kumuliert sich in diesen Momenten zu einer Wissbegierde und einem unbändigen Drang die spannende Welt um sich herum zu erfassen. Ohne Angst zu scheitern. Tja, ich kann nicht in ihren Kopf schauen. Ich weiß nicht, wie vielschichtig ihre Empfindungen in dem Moment tatsächlich sind. Vielleicht sind sie viel mehr als ich auch nur erahnen kann. Vielleicht sind sie auch einfacher. Aber es gibt zwei Punkte, die daraus einen der schönsten Momente machen: 1. Ihre Körpersprache deutet auf positive Gefühle hin und das allein ist wunderbar! 2. Der Moment löst in mir eine große Dankbarkeit aus. Eine Dankbarkeit dafür, dass ich Hugsyn schon ihr gesamtes Leben begleiten darf und dass sie mich seit 8 Jahren begleitet. Ich bin dankbar, dass ich durch sie neue Wege gehen durfte und dass wir so eine tolle Partnerschaft haben. Und ich bin auch stolz. Stolz darauf, dass sie so ist wie sie ist und dass ich einen Teil dazu beitragen durfte, dass sie unsere Welt mit dieser unfassbaren Neugier und Vorfreude erlebt.

Kennst du ihn auch? Diesen einen Moment mit deinem Pferd, den du am meisten liebst? Welcher Moment ist das?